Coffee with Genially
Storytelling im Learning Design: Was wirklich funktioniert
Jennifer Fritz
Learning Experience Designerin und Storytelling-Expertin, Gründerin
Concept & Story
Episodenzusammenfassung
In dieser Ausgabe von Coffee with Genially spricht Annika Meyer mit Jennifer Fritz, Learning Experience Designerin, Storytelling-Expertin und Gründerin von Concept & Story, über die Frage, wann Storytelling Lernen wirklich verbessert und wann es nur eine schöne Verpackung ist. Jennifer erklärt, warum Geschichten das älteste Lehrwerkzeug der Menschheit sind und warum unser Gehirn Informationen nach dem Muster „Mensch tut etwas, mit Konsequenz“ besonders gut speichert.
Sie zeigt, warum gutes Storytelling mit der Zielgruppe beginnt, und stellt dafür die „Reise des Publikums“ vor. Außerdem geht es um glaubwürdige Figuren, die auch Bedenken haben dürfen, um Reibung als Lernmoment, um warme Daten aus dem Arbeitsalltag und darum, wann fiktive Geschichten bei Themen helfen, die im Unternehmen „verbrannte Erde“ sind.
Wer zuschaut, lernt Erzählformen jenseits der klassischen Heldenreise kennen, etwa Kishōtenketsu, entdeckt, was Storytelling mit Game-based Learning und immersiven Formaten verbindet, und erfährt, was Vertical Drama für kurze Lernformate bedeuten kann. Die zentrale Botschaft: Die besten Geschichten liegen oft schon im Unternehmen, man muss gar nicht so viel erfinden.
Highlight-Zitate
“Was kostet es denn, wenn die Leute sich hinterher nicht erinnern?”
“Wer allen gefallen will, gefällt am Ende niemandem. Reibung ist da, wo wir lernen.”
“Storytelling beginnt mit Zuhören. Die besten Geschichten liegen eigentlich schon in den Unternehmen.”
Vollständiges Transkript
Herzlich willkommen zu einer neuen Ausgabe von Coffee with Genially. Heute sprechen wir über Storytelling im Learning Design und über die Frage, ob Storytelling Lernen wirklich besser macht oder ob es manchmal einfach nur eine zeitaufwendige, vielleicht schicke Verpackung ist. Mein Name ist Annika, ich bin Community Builder bei Genially, und ich freue mich, dass ich dieses Thema heute mit Jennifer Fritz besprechen darf. Jennifers Leidenschaft sind Wörter und Texte. Sie hat glücklicherweise den Weg vom Journalismus in die E-Learning-Branche gefunden und zeigt heute mit ihrem Unternehmen Concept & Story, wie mit der richtigen Geschichte als Lern- und Lehrwerkzeug plötzlich alles ganz einfach wird. Ihr Motto ist: Lernabenteuer gestalten, die begeistern, berühren und Wissen vermitteln. Liebe Jennifer, schön, dass du heute dabei bist. Herzlich willkommen.
Ich freue mich sehr über die Einladung. Danke dir, Annika.
Ich glaube, ich habe es eben nicht ganz richtig ausgesprochen: Dein Unternehmen heißt Concept & Story, richtig?
Richtig.
Sehr schön, damit die Leute dich auch finden. Jennifer, ich habe gerade die Formulierung genutzt, dass plötzlich alles ganz einfach wird. Die habe ich ehrlich gesagt von deiner Website geklaut. Es klingt so schön nach Leichtigkeit im Lernen. Was steckt für dich dahinter?
Leichtigkeit im Lernen bedeutet für mich, dass Menschen Freude am Lernen haben. Ich sage bewusst nicht mehr Spaß. Ich habe das Gefühl, das Wort Spaß löst bei sehr vielen Menschen eine Allergie aus, wenn es um Erwachsenenbildung geht. Deshalb spreche ich mittlerweile von Freude am Lernen, und Freude bringt für mich diese Leichtigkeit. Das Gegenteil davon nehmen wir in vielen Unternehmen immer wieder wahr: dass die Menschen keine Lust mehr aufs Lernen haben, weil es ihnen aufgedrückt wird. So ganz grob.
Wunderbar. Da sind wir eigentlich direkt bei den Vorbehalten gegenüber Storytelling. Ein Punkt ist das, was du gerade angesprochen hast: dass dieser Spaßeffekt vielleicht nicht ganz ernst genommen wird, dass es zu verspielt wirkt. Begegnet dir das häufig?
Oh ja. Wenn ich sage, dass ich Storytelling im Lernen mache, gehen die Leute automatisch davon aus, dass ich mit Kindern arbeite. Dann sage ich: für Erwachsene. Und sie sagen: „Aha.“ Da ist schon sehr großes Misstrauen. Ich glaube, das hat auch ein bisschen mit der deutschen oder deutschsprachigen Arbeitsethik zu tun: Wenn es Spaß macht, ist es keine Arbeit.
Schade eigentlich, oder?
Das versuchen wir zu ändern.
Da bin ich auf jeden Fall voll dafür. Ein anderer Vorbehalt, der mir begegnet und den ich auch von mir selbst manchmal kenne: Ich bekomme ein Thema, zu dem ich ein Lernangebot zaubern soll, und es macht mir total Spaß, mit Storytelling zu arbeiten, aber dann denke ich: Das ist jetzt extra Aufwand. Wird dir das auch manchmal gesagt? So nach dem Motto: Ist ja ganz schön, aber kostet noch mal extra.
Was kostet es denn, wenn die Leute sich hinterher nicht erinnern?
Sehr schön. Damit kommen wir perfekt zu der Frage, warum wir es überhaupt machen. Warum wirkt Storytelling? Wie würdest du das jemandem erklären?
Geschichten sind zum einen das älteste Lehrwerkzeug, das wir haben. Das machen wir seit Anbeginn der Menschheit, zumindest seit wir die Sprache entdeckt haben: Wir geben Wissen durch Storytelling weiter. Früher hat man am Lagerfeuer geteilt: Da geht es den Berg runter, da nicht langlaufen, oder diese Pflanze sollte man besser nicht essen. Und man hat das in Geschichten verpackt, damit die Leute es sich merken können. Die Forschung hat mittlerweile auch recht gut herausgefunden, warum das funktioniert. Die Neurowissenschaften, aber auch andere Forschungsfelder sind dem Storytelling ganz groß hinterher, weil man verstehen wollte, warum es eigentlich funktioniert. Die Art und Weise, wie unser Gehirn speichert, ist quasi: Mensch tut etwas, Konsequenz. Es ist eine Art mentales Skript, das es uns sehr vereinfacht, Informationen gut zu speichern und am Ende auch wieder abzurufen. Und das macht die Geschichte aus.
Wann funktioniert eine Geschichte? Welche Aspekte braucht eine Geschichte, damit das klappt? Ich kenne viele E-Learnings, die fachlich völlig korrekt sind, aber trotzdem bleibt nichts hängen. Du hast gerade „Mensch tut“ gesagt. Was ist da konkret anders?
Nicht nur „Mensch tut“, denn „Mensch tut“ allein wird recht schnell langweilig. Wir schauen den Leuten auch nicht jeden Tag dabei zu, wie sie Kaffee kochen. Das ist nicht das, was uns an menschlichen Geschichten interessiert. Uns interessieren die Momente, in denen etwas schiefgeht, in denen eine Handlung Konsequenzen hat oder sich plötzlich etwas am Alltag verändert. Im Storytelling nennen wir das oft den Inciting Incident: Jeden Tag haben wir das und das gemacht, und eines Tages passiert etwas ganz anderes, und dann geht die Geschichte eigentlich erst richtig los. Vielleicht ist es dir schon aufgefallen: Selbst bei der klassischen Heldenreise sehen wir nicht, was davor passiert, und auch nicht, was danach passiert. Wir sehen eigentlich nur den Teil, in dem etwas Neues passiert, an das man sich anpassen muss, mit Höhen und Tiefen. Und am Ende heißt es immer so schön: Und dann endet die Geschichte, und alles geht zurück auf Anfang. Aber das tut es natürlich nicht, weil Konsequenzen verändern und diese Veränderung mitgetragen wird.
Ich persönlich liebe Geschichten, und mir fällt es in der Regel leicht, mir welche auszudenken. Aber ich habe auch schon gemerkt, dass zwar die Geschichte an sich hängen geblieben ist, aber gar nicht der Lerninhalt, den ich eigentlich vermitteln wollte. Man kann vielleicht eine Pointe oder einen lustigen Moment wiedergeben oder etwas über die Figur, wenn man sie cool inszeniert hat, aber der eigentliche Lerninhalt ist trotzdem nicht da. Wie können wir das besser machen? Wie stellen wir sicher, dass er hängen bleibt?
Das ist die eigentliche Königsklasse. Deswegen ist Storytelling im Lernen auch so schwierig: Wir erzählen nicht auf der grünen Wiese, es geht nicht darum, die Leute einfach nur zu unterhalten. Es geht darum, dass sie Wissen in einer Form vermittelt bekommen, die sie sich besonders gut merken können. Ich glaube aber, das Problem fängt in der Regel weit vor dem Storytelling an. Zumindest stelle ich fest, dass erstaunlich viele Kundinnen und Kunden aus dem Unternehmensbereich ihre Lernenden recht schlecht kennen.
Das ist aber nicht nur beim Storytelling so. Das Problem hat das ganze Learning.
Genau. Aber im Storytelling ist es noch gravierender. Es ist auch super schwer, ich habe es selbst schon erlebt: Wenn ich frage, wer die Zielgruppe dieses Trainings ist, bekomme ich manchmal gesagt: 60.000 Leute. 60.000 Leute sind halt keine Zielgruppe. Und Stories funktionieren am besten, wenn sie auf irgendeiner Ebene an der Lebenswelt der Leute andocken. Es kann auch eine fiktionale Geschichte sein, sie muss aber trotzdem einen Alltag widerspiegeln, den die Leute wiedererkennen. Ich glaube, ein Teil des Problems ist, dass wir zu wenig Zeit hineinstecken. Ich hatte dir in unserem Vorgespräch erzählt, dass ich jetzt etwas nutze, das sich „die Reise des Publikums“ nennt. Das habe ich aus einem Buch über Talks entlehnt und ein bisschen abgewandelt. Ich frage die Leute jetzt immer: Was fühlen, wissen, tun, wissen nicht und denken diese Menschen, bevor sie ins Training gehen? Und was sollen sie nach dem Training fühlen, wissen, tun, denken und nicht mehr tun? Wenn man diesen Schritt geht, kann man das alles wunderbar in eine Geschichte gießen.
Wenn man diesen Schritt geht, das ist genau der Punkt. Manchmal haben wir ja keinen direkten Zugang zur Zielgruppe, wenn wir für Kunden arbeiten, und sind darauf angewiesen, was uns der Kunde liefert. Da gilt es, ein bisschen Überzeugungsarbeit zu leisten: Je näher wir an die Zielgruppe herankommen, desto wirksamer wird es. Und du hast gesagt, es können auch fiktive Geschichten sein, aber sie müssen übertragbar sein. Ich muss mich hineinversetzen und das auf meinen aktuellen Kontext, auf meine Arbeitsrealität beziehen können. Die Reise des Publikums ist, denke ich, ein schöner Anker. Das ist ja keine ewig lange Befragung, die man starten muss, sondern etwas schön Greifbares, das man gut als Tool nutzen kann. Sehr cool, danke dir. Der Kontext muss also übertragbar sein. Wie ist es mit der Figur?
Im besten Fall entstehen die Figuren aus den Zielgruppen. Ich nehme mal ein ganz konkretes Beispiel: Sagen wir, wir haben ein Compliance-Training, in dem neue Unternehmenswerte vermittelt werden sollen. Diese Unternehmenswerte sind meistens schöne Worte, die sehr schwammig sind. Das kennst du. Sie sind nicht greifbar. Die Leute verstehen gar nicht, was es bedeutet, dass wir als Unternehmen innovativ oder veränderungsbereit sind, oder was auch immer. Das sind schöne Worte, und jeder versteht ein bisschen etwas anderes darunter. In einem Unternehmen, das neue Werte bekommt, hast du sehr wahrscheinlich die klassische Transformationskurve: Es gibt die, die total dabei sind, voll Lust haben, die neuen Werte zu leben und vorzuleben, und vorneweg rennen. Das sind in der Regel aber nur etwa 12 % der Leute. Dann gibt es die, die auch Lust haben, aber ein bisschen weniger. Insgesamt sind das vielleicht 25 %. Und dann hast du 75 %, die immer noch nicht wissen, was sie machen sollen, und vielleicht gar keine Lust darauf haben. Wenn du das so segmentierst, hast du eine Figur, die Bedenken hat. Und sie darf sie auch haben. Warum sollte es in der Geschichte keine Figur geben, die sagt: Ich verstehe das alles nicht so richtig, was bedeutet das denn? Oder: Ich habe gar keine Lust darauf, die alten Werte waren doch auch gut. Solche Figuren mit drin zu haben, gibt dem Ganzen Realismus und hilft dabei, die Ressentiments, das fehlende Wissen und die Gefühle, die Leute bei solchen Transformationen haben, in die Lerninhalte einfließen zu lassen. Oft vermitteln wir sogenannte kalte Daten: alles, was sich aufschreiben lässt. Warme Daten sind dagegen die Geschichten, die man sich dazu erzählt. Bisher haben sich Unternehmen wenig Mühe mit diesen warmen Daten gemacht: Was die Leute jeden Tag im Unternehmen erleben, was das eigentliche Miteinander ausmacht, das Miteinander mit der Kundschaft, was die Kundschaft über uns erzählt. Das ist oft noch gar nicht drin. Aber genau das macht es greifbar und erinnerbar, sodass ich denke: Aha, das erlebe ich jeden Tag. Und genau da muss man mit den Geschichten hin.
Super schön, das mit den kalten und den warmen Daten, das merke ich mir. Warme Daten bekommen ein Bild, eine Atmosphäre, ein Gefühl, vielleicht auch Emotionen. Ich leite die Figur also aus der Gruppe ab, die Bedenken hat und nicht sofort aufspringt. Ein Thema ist ja auch, dass wir schnell in Stereotype verfallen. Dann macht man sich viele Gedanken darüber, dass sich jede und jeder in die Figur hineinversetzen kann, auch wegen Gendergerechtigkeit, ob man mehrere Figuren anbietet oder ob man eine Figur auswählen kann. Wie stehst du dazu?
Wer allen gefallen will, gefällt am Ende niemandem. Ich finde es total spannend, dass wir im Lernen so viel Zeit damit verbringen, die Reibung aus den Trainings zu nehmen, denn Reibung ist da, wo wir lernen, am Ende des Tages. Mir muss es ja nicht gefallen, um es zu lernen. Ist es nicht manchmal sogar so, dass gerade dann, wenn mir etwas nicht gefällt, die Reflexion einsetzt: Warum gefällt mir das eigentlich nicht? Und erst dann kann ich mich bewegen. Ehrlich gesagt verstehe ich nicht, warum wir so damit beschäftigt sind, die Reibung aus dem Training zu nehmen. Was mir auch total oft begegnet: Ich sage, Storytelling funktioniert nur, wenn ich eine Herausforderung oder ein Problem habe, und dann gibt es Unternehmen, die sagen: Wir haben keine Probleme. Erstens bezweifle ich das sehr, und zweitens habt ihr dann halt keine Story, wenn ihr keine Probleme oder Herausforderungen habt. Es muss nicht immer das große Problem oder etwas Negatives sein, es kann auch einfach eine Herausforderung sein. Und wenn ein Unternehmen sagt, das haben wir nicht, dann stimmt schon an ganz anderen Stellen etwas nicht. Das kann ich auch mit Storytelling nicht lösen.
Da hilft meistens die Frage: Woher kommt dann die Anforderung für dieses Lernangebot? Was steckt dahinter? Das kommt ja in der Regel aus einer Herausforderung, auch wenn man es nicht Problem nennen möchte. Da einzutauchen hilft im Gespräch mit der Kundin oder dem Kunden sehr, um besser zu verstehen, wo sie eigentlich hinwollen. Manchmal kommen sie mit dem Wunsch „Wir brauchen zu diesem Thema ein E-Learning“, und das passt nachher gar nicht zu dem, was sie eigentlich wollten, oder besser gesagt, zu dem, was die Mitarbeitenden brauchen.
Definitiv.
Genau dort einzutauchen, was man eigentlich bezwecken möchte, ist auch ein Ansatz, um zu schauen, welche Geschichte man daraus ziehen kann. Wenn es einem nicht so leichtfällt, Geschichten zu entwickeln: Welche Tipps hast du? Ich habe jetzt vielleicht den Kontext, habe die Herausforderung mit dem Kunden besprochen und auch ein Bild von der Zielgruppe. Wie übersetze ich das in eine Geschichte? Gibt es kleine Tricks?
Grundsätzlich muss man oft gar nichts erfinden. Ich glaube, das ist ein Fehlglaube beim Thema Storytelling. Storytelling beginnt mit Zuhören. Die besten Geschichten liegen eigentlich schon in den Unternehmen.
Ich muss also nicht die Detektivgeschichte auspacken, ins Universum fliegen oder Dinosaurier auftreten lassen, also sehr fiktive Geschichten. Ich kann wirklich bei den realen Stories bleiben.
Genau. Diese sehr fiktiven Geschichten packe ich für Themen aus, die ich persönlich „verbrannte Erde“ nenne. Es gibt einfach Themen im Unternehmen, bei denen der Widerstand in der Zielgruppe so groß ist, dass man mit realistischen Geschichten nicht weiterkäme. Ich habe ein Beispiel für dich: Du erinnerst dich vielleicht an den VW-Skandal. Der hatte zur Folge, dass vielen Autounternehmen und Zulieferern aufgefallen ist, dass Schulungen gegen Betrug vielleicht ganz gut wären. Aber durch die mediale Präsenz und die Art, wie das Thema aufbereitet wurde, war es sofort verbrannte Erde. Die Mitarbeitenden haben natürlich gesagt: Damit habe ich nichts zu tun, das waren die da oben, dafür kann ich nichts. Und du musst es trotzdem schulen. Was macht man in so einem Moment? Man muss das Ganze aus der Realität herausnehmen und in eine fiktionale Geschichte packen, in der die Distanz groß genug ist, dass ich den Lerninhalt annehme und verarbeiten kann. Denn es kann einfach sein, dass das Thema im Unternehmen anders gar nicht mehr anzugehen ist.
Verstehe, sehr schön. Also entweder auf den realen Stories aufsetzen, die im Unternehmen stattfinden, oder, wenn es sensibler ist und man vorsichtiger sein muss, bewusst mit fiktiveren Stories arbeiten, um Abstand herzustellen. Danke dir. Ich erinnere mich an die Zeit, als ich mich als Learning Designerin fortgebildet habe: Uns wurde immer von der Heldenreise berichtet. Soweit ich mich erinnere, war das das einzige Format, an dem man sich entlanghangeln konnte, um eine Storyline zu haben. Wann ergibt das Modell für dich Sinn, und was ist daran vielleicht nicht optimal?
Ich lehre die Heldenreise tatsächlich selbst noch in meinen Storytelling-Trainings für Einsteigerinnen und Einsteiger, weil es das Modell ist, das wir alle am besten kennen. Wir sind quasi davon umgeben. Nehmen wir die Odyssee: Sie ist nichts anderes als die klassische Heldenreise. Man kann sie gut erklären, gut aufzeigen und gut verwenden, die Leute verstehen sie. Ich glaube aber, dass die Heldenreise, so wie ich sie verstehe, für unsere Zeit nicht immer gut funktioniert, weil sie den Fokus auf eine einzelne Person legt. Und die meisten Herausforderungen, die wir heute haben, lassen sich nicht besonders gut von einer Person lösen. Deshalb brauchen wir auch Storyformate, in denen ich mit meiner ganzen Bande ausziehe, um eine Herausforderung zu lösen, und in denen alle gleichwertig sind. Also nicht den großen Helden, der vorneweg rennt und sich alles erlauben darf, sondern dass man diese Probleme wirklich gemeinsam löst. Dann hat man natürlich mehr Figuren, mit denen man es zu tun hat, und kann nicht einfach alles allein entscheiden. Das ist meiner Meinung nach viel realistischer als die klassische Heldenreise. Und wenn man in andere Erzähltraditionen schaut, gibt es sehr schöne Formen, die man sich fürs E-Learning ausleihen kann. Kishōtenketsu zum Beispiel ist ein japanisches Format. Nintendo nutzt es schon seit Super Mario: Im ersten Teil bekommt man einen Skill beigebracht, im zweiten Teil den nächsten. Und dann steht man plötzlich vor einer Herausforderung, die man mit diesen beiden Skills augenscheinlich nicht lösen kann. Bei Super Mario hast du gelernt zu springen, du hast gelernt zu rennen, und jetzt stehst du vor einem riesigen Abgrund, über den du mit Springen allein nicht kommst. Du musst erst herausfinden: Rennen und Springen zusammen ergibt Fliegen. Dann kommst du über den Graben, hast die Herausforderung gemeistert und etwas Neues gelernt.
Ich finde, es gibt auch eine große Überschneidung zwischen Storytelling und Game-based Learning. Im Prinzip lerne ich von Level zu Level, oder auch innerhalb eines Levels, nach und nach Skills und kombiniere sie selbst, um daraus eine neue Fähigkeit zu entwickeln. Und das ist nichts anderes als der Lernprozess: sich Schritt für Schritt von einem Skill zum nächsten hochzuleveln.
Genau, hochzuleveln, um irgendwann den Endgegner zu besiegen. Game-basiertes Storytelling macht das unglaublich gut: Wir wollen uns diesen Herausforderungen stellen, wir wollen uns entwickeln. Und für mich stellt sich die Frage, warum wir uns da nicht viel mehr abschauen. Laut den letzten Zahlen, die ich von der Gamescom gesehen habe, liegt die Gamer-Quote umso näher an 100 %, je jünger die Zielgruppe ist. Und weltweit waren es, laut der letzten Zahl, die ich gesehen habe, etwa 3,5 Milliarden Gamer. Wir reden also nicht nur über Kinder und Jugendliche.
Eben. Wenn man auf die Altersverteilung schaut, sind es auch sehr, sehr viele Erwachsene.
Genau. Warum diskutieren wir immer noch darüber, ob wir das den Leuten zumuten können?
Total. Für mich steckt dieses spielerische Entdecken, genau wie die Geschichten am Lagerfeuer, ganz normal in uns drin. Wir haben es uns nur abtrainiert. Deswegen sehe ich eine totale Verschmelzung der beiden Themen. Im Vorgespräch hatten wir auch über immersive oder interaktive Stories gesprochen, oder über Stories, die ein bisschen Raum lassen, um selbst weiterzuspinnen oder eigene Geschichten zu kreieren. Das ist wahrscheinlich genau dieser Entdeckermodus, oder?
Genau. Ich hole ein bisschen weiter aus. Storytelling war grundsätzlich ein interaktives Format. Früher am Lagerfeuer hat zwar einer erzählt, aber das hieß nicht, dass nicht jemand von der Seite noch etwas hinzugefügt oder gesagt hat: Nee, das war überhaupt nicht so, das muss man so und so erzählen. Da war Leben drin. Man hat gemeinsam erzählt und gemeinsam weitergegeben. Dann kam der Buchdruck. Mit dem Buchdruck haben wir angefangen, Geschichten in ein Medium zu stecken. Es wurde linear, und als Storyteller hatte man wahnsinnig viel Kontrolle. Selbst in der mündlichen Tradition hat sich eine Story über Jahrhunderte verändert, sie ist nicht gleich geblieben. Im Buch steht sie einmal drin und bleibt dann quasi für immer so. Was wir jetzt im Storytelling erleben, ist, dass das wieder aufbricht. Wir haben nicht mehr die Trennung zwischen Publikum und Erzähler. Die Leute wollen wieder mitspielen in der Story, und das kommt unter anderem durch das Gaming, würde ich behaupten. Sie wollen eine Rolle in diesen Stories haben, mitspielen, in den meisten Fällen sogar der Main Character sein. Sie wollen gemeinsam Geschichten erleben und gemeinsam Agency haben, also in dieser Geschichte etwas bewegen. Aber die meisten Storyteller sind ein bisschen Kontrollfreaks, und ich glaube, die Schnittmenge zu den Learning-Menschen ist relativ groß. Wir wollen ja volle Kontrolle darüber haben, was die Leute lernen und was am Ende herauskommt. Ich glaube, deshalb haben wir auch so viel Angst vor dem game-basierten Ansatz, denn dort hast du nicht die volle Kontrolle. Du brauchst eine Welt, du brauchst Herausforderungen, und dann musst du die Leute hineinsetzen und schauen, was passiert.
Ich bin ja immer dafür, sich schrittweise an Dinge heranzutasten und sie auszuprobieren. Man kann zum Beispiel einen Teil linear aufziehen und einen kleinen Teil, in dem es um Reflexion geht, etwa darum, wie ich das auf meinen Arbeitsalltag übertrage, bewusst öffnen. Dort geht es nicht mehr um das Faktenwissen, das man gerade vermitteln will, und man kann die Kontrolle vielleicht etwas leichter loslassen. Vielleicht ist das ein Hebel, sich heranzutrauen, zu beobachten, was passiert, und die Wirksamkeit zu prüfen.
So mache ich das gerade auch mit dem Learning Experience Design. Ich habe nicht meinen kompletten Kurs zur Experience gemacht. Ich gebe gerade einen Kurs zu Future Thinking an der Uni Freiburg, und ich habe nicht gesagt: Wir tun jetzt so, als wären wir schon in der Zukunft, und sind alle Astronauten. Stattdessen habe ich in jedem Block mindestens ein erlebnisbasiertes Lernelement. Ein Beispiel: Mein Kollege Tobias Leisgang hat eine Methode entwickelt, die heißt „Am Lagerfeuer in der Zukunft“. Dabei gehen wir zuerst ein Szenario durch, und dann können die Leute überlegen, was sie aus diesem Szenario gut finden und quasi an ihr Lagerfeuer mitnehmen möchten. Dann nehmen sie verschiedene Rollen ein: Die einen haben diese Zukunft mit ausgearbeitet, und die anderen fragen ihnen Löcher in den Bauch. Damit bringt man die Leute schon in die Zukunft, ohne dass sie groß etwas dafür tun müssen. Auch Immersion muss nicht kompliziert sein. Wenn ich höre, Learning Experience Design sei VR, also Virtual Reality, sage ich immer: Nein, die besten Sachen, die ich gemacht habe, waren analog.
Ich glaube, da gibt es zwei Aspekte. Zum einen: Wer definiert eigentlich was, und wer hat welche Vorstellung von bestimmten Begriffen? Damit kämpfen wir ja auch bei Game-based Learning oder Gamification, und beim Storytelling wird es genauso sein. Zum anderen hat man vielleicht das Gefühl, man müsse ein ganzes Spiel oder eine ganze Story entwickeln. Aber dein Beispiel zeigt ja, dass man sich manchmal einfach einzelner Mechaniken bedienen kann, wie dem Lagerfeuer der Zukunft: ein Format an einer Stelle, an der die Menschen ins Gespräch kommen, reflektieren, sich in eine Rolle hineinversetzen und vielleicht eine andere Perspektive einnehmen können. Einen Perspektivwechsel brauchen wir ganz oft. Für alle, die uns gerade zuhören und denken „Ich bin überhaupt nicht kreativ, ich kann mir keine Geschichten ausdenken“, ist das vielleicht ein Ansatz, Storytelling hier und da zielführend einzusetzen, ohne den Druck, kreativ genug sein zu müssen, um eine ganze Geschichte zu entwickeln.
Storytelling bedeutet übrigens auch, die Leute erzählen zu lassen. Wir sprechen hier viel über E-Learning, aber gerade in Workshops Räume zu öffnen, in denen die Leute von ihren Erfahrungen erzählen können, ist unfassbar mächtig.
Sehr schön. Aus E-Learnings kenne ich auch diesen Punkt: Sobald ich an bestimmten Stellen entscheiden kann, wie die Geschichte weitergeht oder in welche Rolle ich schlüpfen möchte, liebe ich das. Aber ich habe immer auch das Gefühl, dass ich wissen will, wie der andere Weg gewesen wäre. Was wäre passiert, wenn ich mich für A statt für B entschieden oder am Anfang eine andere Rolle gewählt hätte?
Wie unfassbar wäre das denn, wenn unsere Lernenden das Training mehrmals machen?
Genau, das denke ich auch. Das ist überhaupt nicht schlimm, sondern eigentlich umso besser. Wir haben schon ganz viele Themen angesprochen, und ich schiele ein bisschen auf die Uhr: Eine halbe Stunde ist schon verflogen. Unglaublich. Fassen wir kurz zusammen: Ich muss meine Zielgruppe und den Kontext kennen. Die Geschichte kann auf Alltagsgeschichten basieren, ich muss sie nicht fiktiv machen. Fiktion hilft, wenn das Thema sehr sensibel ist. Wir dürfen anecken und Reibung erzeugen, denn das bringt die Leute in den Moment des Lernens. Du hattest auch Tipps, wie ich meine Zielgruppe besser verstehe, und welches Format, zum Beispiel die Heldenreise, für den Einstieg gut nachvollziehbar ist. Zum Abschluss würde mich noch interessieren: Gibt es gerade Trends, die besonders spannend sind? Im Learning geht es ja immer mehr in Richtung kleiner Learning Nuggets und kurzer Einheiten, und oft fehlt die Zeit, eine ganze Geschichte aufzumachen. Gibt es dazu ein Pendant im Storytelling?
Sehr schön: Vertical Drama, manche sagen auch Short Drama. Ich finde das ganz lustig, denn ich lehre seit vielen Jahren an der Uni Freiburg Vertical Storytelling, und das bedeutet einfach Mobile First. Was jetzt passiert, ist, dass es tatsächlich im Mainstream angekommen ist. Ich erinnere mich, dass vor etwa acht Jahren jemand in Deutschland versucht hat, eine Plattform zu bauen, auf der man so etwas konsumieren kann. Das ist kläglich gescheitert, sie sind pleitegegangen. Und jetzt schwappt es gerade aus Asien herüber. Dort entstehen hochgradig süchtig machende, KI-optimierte, teilweise auch KI-generierte vertikale Story-Folgen, die im Schnitt etwa zwei Minuten dauern. Sie arbeiten mit stark stereotypen Figuren, was ich persönlich sehr schwierig finde, aber sie haben es geschafft, dass immer ein Cliffhanger da ist, sodass man immer weiterschauen will. Ich glaube, darin steckt schon etwas für den Lernbereich, natürlich verbunden mit der Frage, wie wir das ethisch machen können.
Wir wollen ja gern, dass die Leute weitermachen. Im Vorgespräch hattest du erwähnt, was für mich total neu war, dass es manchmal Vorbehalte in Richtung Manipulation gibt, also dass Geschichten auch manipulieren können. Das klingt gerade ein bisschen danach. Aber wie bei allem gibt es positive und negative Aspekte, und vielleicht können wir uns auch hier das Positive herausziehen: Was macht Vertical Drama gut, und was können wir davon für E-Learnings nutzen? Sehr cool. Vielen lieben Dank, dass du dir heute die Zeit genommen hast, Jennifer. Da steckte wahnsinnig viel drin, für mich auf jeden Fall, und ich hoffe, für alle, die uns zuschauen, genauso. Gibt es zum Abschluss noch etwas, worüber wir nicht gesprochen haben und das du gern mitgeben möchtest, einen Tipp oder etwas anderes?
Grundsätzlich stehen meine Türen bei Fragen natürlich immer offen. Es gibt meine Website, meinen Blog und natürlich auch mein LinkedIn. Schreibt mir gern, wenn ihr im Nachgang noch Fragen habt, etwas genauer wissen wollt oder Buchtipps haben möchtet, nach dem Motto: Wie komme ich in dieses Thema hinein? Ich baue gerade meine 30-Tage-Story-Challenge auf, mit der man sich im selbstgeleiteten 30-Tage-Format ein bisschen in das Thema hineinfuchsen kann. Darüber hinaus gibt es natürlich super gute Bücher zum Thema Storytelling, die man gelesen haben kann. Ich persönlich lerne sehr viel über den Tellerrand hinaus: Ich schaue ins Gaming, ins Theater und so weiter, und nehme immer etwas für meine Arbeit mit. Ich finde, das, was wir im Lernen machen, zieht Themen aus so vielen Bereichen. Was auch immer euch interessiert: Vielleicht habe ich ein gutes Buch, ein gutes Video oder einen guten Kurs für euch.
Da bin ich mir zu 100 % sicher. Meldet euch also bei Jennifer. Ansonsten bleibt mir nur zu sagen: Vielleicht waren ein paar Inspirationen dabei, um euer nächstes Lernabenteuer mit Genially zu gestalten. Ich würde mich freuen, wenn wir uns in Genially treffen oder beim nächsten Mal hier bei Coffee with Genially. Macht es gut, ihr Lieben. Bis zum nächsten Mal. Tschüss!
Tschüss!